Eine Hand voll Hoffnung: Der Schmied und die fünf Kakaobohnen.

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Mit Tetteh Quarshie begann der Siegeszug des Kakaos in Afrika. Der Legende nach soll er heimlich den Kakao nach Ghana gebracht haben und somit den Grundstein zu einem der wichtigsten ghanaischen und afrikanischen Exportprodukte gelegt haben. Doch die Geschichte des Kakaoanbaus in Ghana geht weit tiefer, als die Legende zuerst vermuten lässt.

 

Wir schreiben das Jahr 1876. Tetteh Quarshie ist zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt. Es ist unfassbar heiß auf Bioko, eine Insel vor der westafrikanischen Küste im Golf von Guinea. Die Luft flirrt und ein heißer Wind frischt auf. Tetteh besteigt ein bereitstehendes Schiff, das ihn in seine ghanaische Heimat bringen soll. Schweiß perlt über seine dunkle Stirn – aber es ist nicht die Hitze, die ihn zum Schwitzen bringt. Seine Hand fährt fahrig in seine Hosentasche – und stößt dort auf den Grund seiner Nervosität: Es sind fünf Kakaobohnen, die er aus einer der nahe gelegenen Kakaopflanzungen entwendet hat. Es ist hier strikt verboten, Kakaosamen und -pflanzen auszuführen, denn auf der spanischen Kolonie Bioko, die damals noch Fernando Pó hieß, erkannte man rasch, welch wertvoller Rohstoff Kakao war und welch hohe Preise die restliche Welt für diesen dunklen Genuss zahlte.

 

Dies bemerkt auch Tetteh rasch. Der gelernte Schmied fasst einen Plan: Er will den Kakao und somit den Wohlstand auch in seine Heimat bringen! So besteigt er also das schwankende Schiff, das wütend an seiner Vertäuung reißt, um endlich mit dem immer stärker werdenden Wind in die Wellen des Ozeans entlassen zu werden. Endlich wird der Anker gelichtet und Tetteh atmet auf. Er ist nicht erwischt worden.

Der Rest schließlich ist Geschichte: Tetteh erreicht seine Heimat wohlbehalten, baut in Mampong, Ghana, die ersten Kakaopflanzen nicht nur des Landes, sondern des ganzen Kontinents an – und bricht somit das spanisch / portugiesische Kakao-Monopol.

 

Natürlich können wir nicht nachvollziehen, ob sich die Dinge genau so zugetragen haben und ob es drei, fünf oder 20 Kakaobohnen waren. Und auch andere Persönlichkeiten beanspruchten es für sich, den Kakao nach Afrika gebracht zu haben – so beispielsweise Sir William Brandford Griffith, 1880 und 1885 Gouverneur von Ghana, der damaligen sogenannten Goldküste. Doch Eines ist sicher: Tetteh Quarshie ist es, der als ghanaischer Nationalheld gefeiert wird, um den sich viele Mythen ranken und über den zahlreichen Geschichten erzählt werden. Wie ein Wohltäter soll er später durch ganz Ghana gereist sein und Kakaopflanzen und -samen an arme Farmer*innen verteilt haben. Auch heute noch kann seine Kakaofarm in Mampong besichtigt werden. Von dort aus begann schließlich der Kakao(anbau) seinen Siegeszug durch ganz Afrika, doch kein anderes afrikanisches Land exportierte im letzten Jahrhundert solche Mengen an Kakao wie Ghana. Zwischen 1910 und 1980 war Ghana unangefochten der größte Kakaoexporteur weltweit und verlor diesen Rang nur deshalb an die Elfenbeinküste, weil ausgedehnte Buschfeuer in den späten 80er Jahren große Teile der alten ghanaischen Kakaoplantagen vernichteten.

Kakao-Erntehelfer in Ghana, 1925.

 

Vor allem auch der geographische Standort Ghanas begünstigte damals den Aufschwung zum weltweiten Kakao-Nabel: Durch die Westküste hatten der europäische Westen und Nordamerika eine hervorragende Seeverbindung zu dem afrikanischen Kontinent. Und nicht zuletzt gewann die ghanaische Kakaoproduktion durch einen großen Sklavenaufstand Anfang des 20. Jahrhunderts auf den portugiesischen Kolonien enorm an Bedeutung. Die Sklav*innen dort setzten sich für bessere Arbeitsbedingungen auf portugiesischen und spanischen Kakaoplantagen ein, denn die Todesrate von Plantagen-Arbeiter*innen lag zu dieser Zeit bei ca. 20%. Großbritannien und Amerika, die damals größten Kakao-Abnehmer, umgingen diesen Streik und bezogen ihre Ware daraufhin von der ehemaligen Goldküste. Ghana bot den Arbeiter*innen im Kakaogewerbe zudem bessere Arbeitsbedingungen und die Kakaobohnen von dort hatten zudem den Ruf, von höherer Qualität zu sein als die Ware, die aus den ursprünglichen Kakao-Kolonien bezogen wurde.

Jetzt, über 100 Jahre später, arbeiten leider immer noch viele Kinder und Erwachsene unter schlechten bis mäßigen Bedingungen im Kakaolandbau und der Kakaomarkt ist zu einer komplexen Maschinerie geworden. Und doch hat sich im Kakaobusiness auch viel getan. Wie wir bereits berichteten, wächst insbesondere in Ghana die Zahl der Bio-Kakaoplantagen enorm – auch dank unserer und natürlich Eurer Unterstützung. Somit verbessern sich nicht nur die Bedingungen für die Leute, sondern auch für die Umwelt in Ghana stetig. Das hätte Tetteh Quarshie sicherlich gefallen, war doch genau dies seine Intention, als er vor knapp 150 Jahren ein Schiff zum afrikanischen Festland bestieg, in der Tasche nichts als Kakaobohnen – eine Hand voll Hoffnung.