Der europäische Import von Agrarprodukten in Ghana und dessen wirtschaftliche Auswirkungen

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fairafric schaut heute über den Schokotellerrand und beleuchtet im Folgenden insbesondere den Geflügelsektor in Ghana. Warum? – Ganz einfach: Auch der globale Handel mit Agrarerzeugnissen zeigt auf, welche wirtschaftlichen Auswirkungen es auf ein Land hat, wenn eine lokale Versorgung durch Importe verdrängt wird.

Von 2002 bis 2016 stieg der europäische Export von tierischen Produkten in Drittländer um 138 Prozent. Eines dieser massenhaft exportierten Agrarprodukte ist Geflügelfleisch. In Deutschland erhöht sich die Produktion von Hühnerfleisch seit Jahren, die Geflügelmast wurde immer weiter ausgebaut und ist mittlerweile auf Überproduktion ausgelegt. Grund dafür ist die wachsende nationale Nachfrage nach Hähnchenbrustfilet, welches die Europäer*innen am liebsten verzehren. Somit entsteht eine Überproduktion, die für den Export in Drittländer bestimmt ist und von der EU zusätzlich subventioniert wird. Dies ist der Beginn einer Einbahnstraße, die dramatische Folgen für die Wirtschaft in Ghana hat. Wir werfen im Folgenden einen kurzen Blick auf die derzeitigen Entwicklungen im Geflügelsektor in Ghana und konzentrieren uns auf Betroffene vor Ort.

Die Ausgangslage: Die Bedeutung des Geflügelsektors für Ghana

Unternehmen in der Geflügelfleisch-Produktion verschafften lange Zeit sichere Arbeitsplätze in Ghana. Bis um die Jahrtausendwende durch die Öffnung zum Weltmarkt der lokale Handel mit Geflügelfleisch rapide verdrängt wurde, fanden tausende Ghanaer im Geflügelsektor Arbeit. Fallen diese Arbeitsplätze für eine längere Zeitspanne weg, zwingt das importierte Hähnchenfleisch im schlimmsten Falle Menschen in die Flucht in Richtung Europa. Für ein besseres Leben nehmen oft auch ehemalige Kleinbäuerinnen und -bauern und ehemalige Arbeiter*innen aus Ghana die berüchtigte Route durch die Sahara in Richtung Mittelmeer auf sich. Dazu beigetragen hat – wie viele Einzelschicksale belegen – auch das Aussterben des lokalen Geflügelmarkts.

Die Folgen der Marktöffnung im Geflügelsektor

In den 2000er Jahren fand in Ghana eine Senkung der Einfuhrzölle und so eine Marktöffnung statt. Über die Economic Partnership Agreements (EPA) hatten wir schon letztes Jahr ausführlich berichtet. Diese führten zu einer Übernahme des Geflügelmarktes in Ghana durch europäische, US-amerikanische sowie brasilianische Produzent*innen. Aktuell stammen zirka 90 Prozent des Geflügelmarktes in Ghana aus ausländischer Produktion. Im Gegensatz dazu hat die ehemals größte Hühnerfleischproduktion in Ghana Darko-Farm derzeit einen Marktanteil von weniger als zehn Prozent des gesamten Geflügelmarktes in Ghana, während vor 20 Jahren Darko 90 Prozent des Geflügelfleisches in Ghana vertrieb. Dieser Rückgang liegt vor allem an den niedrigen Preisen des subventionierten importierten Hähnchenfleisches. Diesem unfairen Wettbewerb sind lokale Geflügelbetriebe in Ghana nicht gewachsen.

Geflügelproduzent*innen finden neue Wege

Aufgrund dieser fehlenden Wettbewerbsfähigkeit der Geflügelerzeugerinnen in Ghana, wurden einige kreativ und es fand vielerorts eine Umorientierung von Geflügelfleischerzeugung auf die Produktion von Hühnereiern statt. Bedingt durch teuer importiertes Geflügelfutter, ist dieses Geschäft allerdings unprofitabel und geht mit Verlusten einher. Viele Ghanaer*innen, die ehemals im Geflügelsektor tätig waren, treibt dies wiederum in die Arbeitslosigkeit, da sie auch mit dem Vertrieb von Eiern ihre Betriebe nicht aufrechterhalten können. Allerdings lässt der Mangel an Konkurrenz in der Eierproduktion hoffen, dass einige Produzentinnen diese Umorientierung schaffen. Geflügelfarmer Augustine Amankwaah, dessen Produkte doppelt so teuer sind wie die EU-Importe, bleibt trotzdem zuversichtlich: „Derzeit haben wir mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Wegen der importierten Hühnchen ist der Wettbewerb sehr groß!“ Um den Markt standzuhalten, bestand die einzige Möglichkeit für Augustine Amankwaah, selbst Geflügelfutter anzubauen, das qualitativ besser ist und so den Preis seiner Hühnchen gegenüber den Kundinnen rechtfertigen ließ.

 

Was macht die Politik um die prekäre Lage im Geflügelsektor zu verbessern?

Durch erhöhte Einfuhrzölle im Bereich des Hühnerfutters, eine Fokussierung auf den Anbau von Mais und Soja in Ghana, um nicht mehr auf importierte Futtermittel angewiesen zu sein sowie die Einführung eines Qualitätslabels, reagierte die ghanaische Regierung in den letzten Jahren auf die Schwierigkeiten im lokalen Geflügelsektor. “Die Regierung ist sich der Herausforderungen in der Geflügelindustrie bewusst,“ sagt dazu der ghanaische Agrarminister Clemt Kofi Humado. Zur Regulierung der Mengen und Überwachung der Qualität des importierten Hähnchenfleisches wurde 2013 ein Punktesystem zur Information der Kund*innen per Gesetz eingeführt.

 

Ghanaian farmers protest against EPA

Ghanaian farmers protest against EPA. (Photo source: CMO.nl)

 

Vorbilder in Kamerun und im Senegal

Im westafrikanischen Land Kamerun konnte die Bürgerinitiative Association Citoyenne de Défense des Intérêts Collectifs (ACDIC) durch ihre Kampangne „Hühner des Todes“ gegen die massiven billigen Importe einen Erfolg verbuchen. Aktivistinnen von ACDIC verteilten Broschüren auf Märkten im ganzen Land, diskutierten mit Händlerinnen und Verbraucher*innen und organisierten Demonstrationen. Auch die einheimischen Medien interessierten sich für das Thema, über 100 Tageszeitungen, Radiosender und das Fernsehen berichteten über die Kampagne. Daraufhin hatte Kameruns Regierung die Vergabe von Importlizenzen gestoppt und die Mehrwertsteuer für inländische Geflügelprodukte abgeschafft. So konnte ein deutlicher Rückgang der Geflügelimporte verbucht werden.

Auch im Senegal entstand eine Bewegung, die von dem Rapperkollektiv Awadi (feat. Kirikou) angestoßen wurde, die mit ihrem Song „On signe pas“ („Wir unterzeichnen nicht!“) gegen das Wirtschaftsabkommen mit der EU protestierten.

 

Awadi erklärte, sein politischer Song entstand als Folge darauf, dass Behörden nicht auf die wiederholten Forderungen der Zivilgesellschaft eingegangen seien. Awadi reagierte auf Protestaktionen der Bevölkerung, die auf die Auswirkungen auf die afrikanische Wirtschaft aufmerksam gemacht hatten und gab ihnen eine prominente Stimme: „Wenn diese Abkommen unterzeichnet werden, werden sie die afrikanischen Volkswirtschaften dazu verurteilen, von Europa abhängig zu bleiben!“, so Awadi.

Um die nationale Industrie sowie die junge Bevölkerung zu schützen, konnte sich auch Nigeria gegen die EPAs wehren. Nigerias Präsident argumentierte: „Unsere Industrie ist nicht in der Lage mit der effizienteren und hochtechnologisierten Industrie in Europa mitzuhalten.“ Und weiter: “Wir sind wegen unserer größtenteils jungen Bevölkerung nicht interessiert, die EPAs zu unterzeichnen!“.

Einige wenige afrikanische Länder treten also seit Jahren dem Abkommen entschieden entgegen. Dies lässt auch auf Handlungen in Ghana hoffen, die den wirtschaftlichen Auswirkungen der europäischen Agrarimporte entgegenwirken. Vor allem sind Investitionen in weiterverarbeitende Gewerbe von zentraler Bedeutung, um die Wertschöpfung lokal zu generieren.

Didier Awadi
Didier Awadi, Rapper from Senegal (Photo copyright: filme-aus-afrika.de)