Ein bittersüßes Stück Politik: Der Kakaobarometer-Report und sein Fazit über den Kakaohandel

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Das Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert jedes Jahr die Herausgabe des sogenannten Kakaobarometers, eine enorm wichtige Bestandsaufnahme des weltweiten Kakaohandels. Wir zeigen Euch, was in diesen Berichten zu lesen ist, wer dahinter steht und was das Ergebnis der aktuellen Untersuchung für 2018 ist.

1.Kakaobarometer – was ist das?

Das Kakaobarometer ist ein um die ca. 70 Seiten dickes geballtes Stück Kakao-Politik. Konkret handelt es sich dabei um einen Report, der bestimmte Aspekte im Kakaomarkt untersucht und unregelmäßig im Abstand mehrerer Jahre erscheint (die Untersuchungen umfassen stets längere Zeiträume und sind sehr langwierig). Unterstützt wird er durch Mittel von Engagement Global (ein Service für Entwicklungsinitiativen) und des BMZ (Das Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung); herausgegeben wird der Bericht von 14 Nichtregierungsorganisationen. Es beschäftigt sich, seit er 2009 das erste Mal veröffentlicht wurde, stets mit dem Kakaoanbau im weitesten Sinne – von der Bohne bis zur Tafel. Dabei deckt diese Studie die ganze Liefer- und Verarbeitungskette ab und wirft einen genauen Blick auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kakaofarmer*innen und die mit dem Anbau einhergehenden Einflüsse auf die Umwelt. So ist über die Jahre ein wegweisender Nachhaltigkeitsbericht entstanden, der nicht nur die Kakao-verarbeitende Branche betrifft, sondern im Grunde jede*n Kakaoliebhaber*in.

2. Kakaobarometer – wer steht dahinter?

Wie bereits erwähnt, wird das Kakaobarometer von 14 Nichtregierungsorganisationen herausgegeben und vom BMZ sowie vom Engagement Global gefördert. Die NGOs, die diesen Bericht vorantreiben, sind:

  • VOICE: Ein internationales Netzwerk aus Gewerkschaften und NGOs, das einen Großteil der zivilgesellschaftlichen Organisationen im Kakaosektor vereint. Schwerpunkt: Menschenrechts- und Umweltprobleme im Kakaosektor.
  • INKOTA: Eine Vereinigung verschiedener engagierter Menschen und Gruppen, die gemeinsam für eine gerechtere Welt eintreten. Schwerpunkt: entwicklungspolitische Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung in Deutschland.
  • Stop the Traffik: Eine internationale Organisation, die gegen den Menschenhandel kämpft. Schwerpunkt: Menschenhandel durch Lebensmittelindustrie.
  • ABVV-Horval: Eine Arbeitnehmerorganisation, die dem ABVV (Allgemeiner Belgischer Gewerkschaftsbund) angeschlossen ist. Schwerpunkt u.a.: die Lebensmittelindustrie.
  • FNV: Die größte Niederländische Gewerkschaft. Schwerpunkt: Arbeit und Einkommen.
  • SÜDWIND: Institut für Ökonomie und Ökumene. Schwerpunkt: der Einsatz für eine gerechte Weltwirtschaft.
  • Green America: Eine Gesellschaft, die ihren Schwerpunkt auf die sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Gesellschaft gelegt hat.
  • Oxfam: Oxfam ist eine international agierende Organisation, die sich für eine gerechte Welt ohne Armut einsetzt. Schwerpunkt: Nahrungsmittelherstellung und die Aufdeckung von Missständen in Zuliefererketten.
  • Public Eye: Ein Recherchenetzwerk, das Menschenrechtsverletzungen aufdeckt, die vor allem in der Schweiz durch das Wegschauen der Regierung begangen wurden. Schwerpunkt: Bekämpfung von Korruption sowie illegalen und illegitimen Wirtschaftspraktiken, welche die Menschen in anderen Ländern schaden.
  • Solidaridad: Eine internationale Netzwerkorganisation mit Partnern auf der ganzen Welt. Schwerpunkt: Nachhaltige Produktion von Rohstoffen und Aufdeckung von Missständen.
  • ILRF: Eine Menschenrechtsorganisation, die sich schwerpunktmäßig für die Würde und Gerechtigkeit der Arbeitnehmer in der Weltwirtschaft einsetzt.
  • EFFAT: Eine Organisation mit dem Schwerpunkt, ein Netzwerk für den Informationsaustausch zwischen Arbeitnehmervertretern und Organisationen der europäischen Kakao- und Schokoladenindustrie aufzubauen.
  • FERN: Eine NGO, das sich für ökologische und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Schwerpunkt: Für eine europäische Union im Dienste der Wälder und Menschen.
  • Mighty Earth: Eine globale Kampagnenorganisation, die sich für den Schutz der Umwelt einsetzt. Schwerpunkte: der Schutz bedrohter Landschaften wie tropischer Regenwälder, der Schutz der Ozeane und die Lösung des Klimawandels.

 

3. Kakaobarometer – was steht 2018 drin?

Das Kakobarometer 2018 ist, um ehrlich zu sein, kein bittersüßes Stück Politik, sondern eher nur ein bitteres Stück Politik. Das 83-Seitige Kakobarometer 2018 wird mit folgenden Sätzen eingeleitet:

Aufgrund der zentralen Bedeutung der Region für den Kakaoanbau und der großen Herausforderungen vor Ort haben sich die Autoren für einen Fokus auf Westafrika entschieden. Die beiden thematischen Schwerpunkte dieses Barometers sind die „Garantie existenzsichernder Einkommen“ sowie „Transparenz und Rechenschaft“.

Damit betrifft das Kakaobarometer also auch fairafric, denn wir produzieren ja bekanntlich in Ghana.

Die Untersuchungen tangierten insbesondere folgende Bereiche und kamen zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • Zwischen September 2016 und Februar 2017 kam es zu einem drastischen Verfall des Kakaopreises (der Grund hierfür war ein Überangebot an Kakao auf dem Markt durch eine Rekordernte an der Elfenbeinküste). Dies führte dazu, dass die Armut vieler Kakaofarmer*innen zugenommen hat – an der Elfenbeinküstenregion sank das Einkommen von Kakaofarmer*innen um ganze 30-40%. In Westafrika hingegen war das Gehalt der Kakaofarmer*innen im untersuchten Zeitraum selbst bei zertifizierten Anbauer*innen so gering, dass 77% immer noch unterhalb der Armutsgrenze leben. Für ein existenzsicherndes Einkommen müsste sich ihr Gehalt verdreifachen. Aus den Problemen, die selbst zertifizierte Bauern und Bäuerinnen betreffen, wird das Problem unterschiedlicher Zertifizierungen ersichtlich. Daraus folgt, dass eine Vereinheitlichung des Zertifizierungssystems nötig wäre, damit jede offizielle Zertifizierung ein Einkommen über der Armutsgrenze ermöglichen würde.
  • Kinderarbeit: Hier hat es zwar einen relativen Rückgang gegeben, durch eine Ausweitung des Kakaoanbaus ist die Zahl der absolut arbeitenden Kinder jedoch gestiegen. Momentan helfen rund 2,1 Millionen Kinder in der Elfenbeinküste und Ghana beim Kakaoanbau. Das Versprechen der Schokoladenindustrie, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2020 um 70% zu reduzieren, wird haushoch verfehlt werden.
  • Umweltzerstörung: Die Ausweitung des Kakaoanbaus führte zu einer enorm ausgedehnten Zerstörung von Regenwald. Zwischen 30% und 40% des Kakaos an der Elfenbeinküste wird illegal in Naturschutzgebieten, die vorher meist gerodet werden, angebaut. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: die fehlende Durchsetzung des Umweltrechts durch staatliche Behörden und die Verweigerung großer Schokoladenhersteller, dieses Problem anzuerkennen und zu handeln.

 

Die zentralen Forderungen des Kakaobarometers an die Schokoladenindustrie lauten daher (der folgende Text wird zitiert und ist zu finden ab Seite 71 des Kakaobarometers):

  • Schokoladenunternehmen sollen sich zu existenzsichernden Einkommen als Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit bekennen.
  • Nachhaltigkeitsprogramme sollten weniger auf eine Steigerung der Kakaoerträge, sondern stärker auf die Einkommenssituation der Farmer*innen fokussieren.
  • Wo nötig, sollten die Unternehmen kurzfristig höhere Kakaopreise zahlen, bis längerfristige Lösungen für das Preisproblem gefunden wurden.
  • Unternehmen sollten transparent über die Wirkungen ihrer Nachhaltigkeitsprojekte berichten.

Von den Regierungen der Kakaokonsumländer fordert das Barometer zudem:

  • Die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht von Unternehmen gesetzlich zu regeln
  • Maßnahmen gegen die zunehmende Marktkonzentration und das daraus resultierende Machtungleichgewicht zu Ungunsten der Kakaobauern und -bäuerinnen zu ergreifen
  • Das Wettbewerbsrecht so zu verändern, dass Diskussionen über eine faire Preisgestaltung möglich werden

Von den Regierungen der Kakaoanbauländer verlangt das Barometer darüber hinaus:

  • Mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht hinsichtlich der Steuereinnahmen und Investitionen im Kakaosektor
  • Den Schutz der Wälder zu gewährleisten und illegal abgeholzte Wälder wieder aufzuforsten
  • Eine ganzheitliche Landwirtschaftspolitik, die die Kakaobauern und -bäuerinnen auch beim Umstieg auf andere Agrarprodukte unterstützt
  • Eine Abstimmung der Kakaopolitik zwischen den wichtigsten Anbauländern, unter anderem um ein Kakaoüberangebot auf dem Markt zu vermeiden.

 

Und was könnt ihr tun? Tragt dieses Wissen in die Welt hinaus! Denn vielfach wird billiger Kakao und Schokolade, welche viele Menschen ins Unglück stürzen und die Umwelt zerstört, schlicht aus Unwissenheit gekauft. Lasst uns diesen Kreislauf gemeinsam durchbrechen, damit Schokolade wieder süß schmeckt.