Welchen Unterschied macht fairafric? Eine Praxisstudie.

Veröffentlicht am Veröffentlicht in de, Neuigkeiten, Stories, Uncategorised

Kaufentscheiden machen einen Unterschied – oder? fairafric und unser Leitgedanke wurden diesbezüglich einer wissenschaftlichen Studie unterzogen. Mit überraschenden Ergebnissen.

Vor ein paar Monaten lernten wir Tamara kennen. Die 25-jährige Studentin trat an uns heran, da sie in ihrer Masterarbeit über die Auswirkungen von Initiativen wie fairafric auf die Lebenswirklichkeit von Kakaobäuerinnen und -bauern in Ghana forschen und schreiben wollte. In ihrer fertigen Masterarbeit mit dem Titel “Impacts of private standards on poverty reduction, investment decisions and risk preferences. A case study of small-scale organic certified cocoa farmers in the Eastern Region of Ghana” beleuchtete sie die praktischen Auswirkungen der Kooperation mit fairafric auf die Armutsbekämpfung unter den Farmer*innen im ghanaischen Distrikt Suhum. Wir haben sie dazu interviewt.

  • Hallo Tamara! Vielleicht magst Du Dich schnell vorstellen?

Hi! Ja, gerne. Ich bin Tamara, 25 Jahre alt und komme aus der Nähe von Stuttgart. Ich habe in Bochum Geografie im Bachelor studiert und mich währenddessen in Richtung Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert. Meinen Master habe ich anschließend im Bereich Development Management gemacht und war hierzu auch viel an den Partneruniversitäten in Kapstadt, Kenia und Ghana.

  • Wie bist Du auf fairafric und zu Deiner Idee für die Studie gekommen?

Ich musste schon am Anfang meines Masters entscheiden, in welche Richtung meine Masterarbeit gehen sollte. Ich wollte etwas Empirisches machen und habe an Feldforschung in der nachhaltigen Landwirtschaft gedacht, z.B. Kooperativenarbeit im Bereich Kakao mit Schwerpunkt fairem Handel. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann zufällig die Arte-Dokumentation über fairafric im Fernsehen gesehen. Das konkretisierte meine Idee.

  • …und Du hast zu uns Kontakt aufgenommen. Wie bist Du dann bei Deinen Nachforschungen konkret vorgegangen?

Zuerst musste ich mich generell mit dem Thema Kakaohandel beschäftigen, denn das ganze Thema mit seinen unterschiedlichen Standards und Siegeln ist sehr komplex. Als ich das Thema konkret definiert hatte, habe ich zu Euch Kontakt aufgenommen und so auch Kontakt zu der Yayra Glover Initiative erhalten. Ich bin dann nach Ghana gefahren, um mich mit meinem Ansprechpartner der Yayra Glover Initiative zu treffen. Hier musste ich gleich als Erstes meine angepeilte Forschungsregion (die Volta Region) ändern, da hier die Kooperativenarbeit erst angelaufen war und die Ergebnisse nicht aussagekräftig genug gewesen wären. Deshalb haben wir dann die Suhum-Region ausgewählt. Unser Vorgehen war anschließend folgendes: George, ein Field Officer der Yayra Glover Initiative, war mein Ansprechpartner, Helfer, Begleiter und Übersetzer. Per Zufallsauswahl wurden Farmer*innen ausgewählt – solche, die Mitglied der Initiative waren. Solche, die keine Mitglieder einer Initiative waren, wurden anders ausgewählt; mit einem sog. stratified snowball sampling. Zu ihnen sind wir dann gefahren und haben sie befragt.

  • Wie haben die Farmer*innen darauf reagiert?

Sie waren alle sehr positiv, offen und zudem sehr zuverlässig. Sie wollten vor den Interviews meist den Sinn der Befragung wissen und, als wir ihnen diesen erklärt hatten, auch, ob ihnen die Studie konkrete Benefits versprechen würde. Das Problem war, dass wir ihnen diese natürlich nicht versprechen konnten – ich kann nur hoffen, dass meine Forschungsarbeit am Ende etwas bewirken wird.

  • Du hast also 226 Bauern und Bäuerinnen befragt und dabei zwei Gruppen von Farmer*innen verglichen: Solche, die in der Yayra Glover Initiative Kooperationsteilnehmer*innen sind und solche, die (noch) in keiner Kooperative partizipieren. War es eine 50/50-Quote?

Nein, nicht ganz. 106 Farmer*innen waren aus der Vergleichsgruppe und 120 Farmer*innen waren Mitglied der Yayra Glover Initiative. Die unterschiedliche Zahl rührt zum einen daher, dass leider nicht immer alle erreichbar waren. Aber vor allem gab es nur noch sehr wenige Dörfer, die mit gar keiner Art von Kooperative arbeiten und deswegen war es wirklich schwierig, Ersatz für ausgefallene Farmer*innen für das Interview zu finden, die wirklich in gar keiner Kooperative teilnehmen. Vor allem diese zu befragen war oft sehr emotional, denn viele wollten ihre Geschichte erzählen oder auch den Zugang zu einer Kooperative erhalten.

Faktencheck: Das fand Tamara bei ihren Befragungen heraus:

Hauptgründe für die Teilnahme der Bäuerinnen und Bauern an einem Kooperationsprojekt war die Kakaoprämie. Insbesondere erwarteten sie hierbei, dass die Prämie es ihnen ermöglichen würde, mehr Arbeitskräfte einzustellen, Ausrüstung für ihre Kakaofarm zu kaufen, Schulgebühren zu bezahlen und die Konsumausgaben des eigenen Haushalts zu decken. Zwei weitere Gründe für die Teilnahme an dem Programm der Yayra Glover Initiative sind die Schulungen über ökologische Anbaumethoden und die von Yayra Glover angebotenen ökologischen Inputs. Diese beiden Gründe wurden oft in Zusammenhang mit der Motivation genannt, die Kakaoerträge zu steigern, die Umwelt zu schützen und ihre Farmen nachhaltig zu erhalten. Darüber hinaus spielten die Lebensmittelsicherheit und die Gesundheit eine Rolle bei der Entscheidung zur Teilnahme.
Die Hauptaspekte der Nicht-Teilnahme waren folgende: Entweder hatten die Bauern keine Infos über solche privaten Standards und Zertifizierungsprogramme oder sie wussten davon, konnten aber nicht beitreten, da in ihren Gemeinden keine LBC (Licensed Buying Company) oder Kooperative tätig ist, die Standards und Zertifizierung einführt.

  • Tamara, Dein Fazit der Studie ist, dass Bäuerinnen und Bauern Zugang zu Informationen und Schulungen über Zertifizierung und Lebensmittelstandards erhalten sollten, damit sie auch an solchen Programmen teilnehmen können. Wie glaubst du, wäre das konkret umzusetzen?

Einerseits sollte sich die Regierung hier mehr einsetzen. COCOBOD (Ghana Cocoa Board) setzt immer noch auf sehr traditionellen Kakao, hier sollte ein Umdenken stattfinden. COCOBOD und die Regierung sollten hier zusammenarbeiten, damit auch in den letzten Dörfern höhere Standards etabliert werden können. Das könnte z.B. erreicht werden, indem COCOBOD aktiv mit Kooperationen wie der Yayra Glover Initiative zusammenarbeitet.

Faktencheck: Das fand Tamara über die Auswirkungen der Kooperation zwischen fairafric und der Yayra Glover Initiative heraus:

Was die nicht-monetären Armutsdimensionen betrifft, so trägt das Programm wesentlich dazu bei, dass die Bauern und Bäuerinnen, die an der Yayra Glover Initiative teilnehmen, besser in der Lage sind, die Grundbedürfnisse der Haushalte sowie die Kosten für die Instandhaltung der Landwirtschaft zu decken. Es führt zu einer Steigerung der allgemeinen Lebenszufriedenheit, des Glücks und der Zufriedenheit mit dem Lebensstandard und zu einer Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards der Farmer*innen, insbesondere in Bezug auf sanitäre Einrichtungen und Wohnraum. Darüber hinaus unterstützt das Programm in erheblichem Maße das zunehmende Empowerment der Farmer*innen, d.h. die Macht und Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen (economic empowerment) sowie die politische Partizipation bzw. die Berücksichtigung der Interessen der Farmer*innen in der Politik (political empowerment). Im Bildungsbereich trägt das Programm erheblich zur Verringerung des Analphabetentums unter den Kindern der Farmer*innen und zur erhöhten Wahrnehmung der Farmer*innen bei, dass Bildungsleistungen erschwinglich seien. Viele Bauern und Bäuerinnen gaben an, dass einer ihrer Beweggründe für die Teilnahme an dem Programm darin bestand, dass die Kakaoprämie es ihnen ermöglichen würde, die Schulgebühren ihrer Kinder zu bezahlen. Zudem sind mehr Farmer*innen in der Lage, eine Krankenversicherung für ihre Kinder abzuschließen. So steigt auch die Wahrnehmung der Erschwinglichkeit von Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern. Auch wenn das Programm das Gesamteinkommen der Haushalte nicht erhöht, verringert es die Armut in Bezug auf andere Dimensionen, die unter anderem durch die Erhöhung des Einkommens aus dem Kakaoanbau beeinflusst zu sein scheinen.

  • Du hast herausgefunden, dass, trotz des gleichen durchschnittlichen Ertragsniveaus, die am Programm teilnehmenden Bäuerinnen und Bauern im Jahresdurchschnitt etwa 91 US-Dollar pro Hektar mehr aus dem Kakaoanbau verdienen können als nicht teilnehmende Bäuerinnen und Bauern. Trotzdem hat das Programm aber keine Auswirkungen auf das Gesamteinkommen der Haushalte (einschließlich anderer Einkommensquellen neben der Kakaoproduktion) und trägt daher nicht zur Armutsbekämpfung im Sinne der monetären Armut bei. Wie erklärst Du das?

Das gesamte Haushaltseinkommen besteht bei den Kleinbauern und Kleinbäuerinnen nicht nur aus dem Kakaoanbau, also nicht nur aus einer Komponente, sondern zusätzlich haben die Familien z.B. noch einen kleinen Shop, verkaufen von den Frauen gekochtes Essen auf der Straße oder einzelne Familienmitglieder sind als Tagelöhner*innen unterwegs. Das ist aber alles ein sehr unregelmäßiges Einkommen. Zudem erhalten viele Familien Transfereinkommen. Transfereinkommen heißt hier, dass Kinder oder andere Familienmitglieder zusätzlich woanders arbeiten und Geld nach Hause schicken. Dieses Transfereinkommen war bei den Farmer*innen, die nicht in einer Kooperative Mitglied waren, doppelt so hoch wie bei den Farmer*innen, die in einer Kooperative sind. Warum genau das so ist, konnte ich nicht herausfinden. Konkret heißt das also: Was die Kooperativen-Bauern und -Bäuerinnen mehr am Kakao verdienen, bekommen die anderen Farmer*innen zugeschickt, deswegen war am Schluss der Unterschied im Einkommen nicht so groß. .

  • Was hat Dich am Ergebnis der Studie am meisten überrascht? Oder hattest Du diesen Ausgang erwartet?
  • Ich habe natürlich gehofft, dass die Ergebnisse so ausfallen, und als ich die Hoffnung bestätigt gefunden habe, war das natürlich sehr schön zu sehen. Allerdings habe ich auch erwartet zu sehen, dass die Ausgaben für Arbeiter*innen zertifizierter Farmen höher wären. Da dort weniger Pestizide eingesetzt werden, gibt es mehr Unkraut und deswegen braucht man eigentlich mehr Farmarbeiter*innen, aber dem war nicht so – die Farmer*innen, die konventionell arbeiten, hatten genauso hohe Ausgaben für Farmarbeiter*innen, das hat mich überrascht.

Was ich aber über die Analphabetenrate herausgefunden habe, war beeindruckend: Hier habe ich erwartet, dass die Analphabetenrate bei den Kindern und Jugendlichen der nicht zertifizierten Farmer*innen größer ist, weil sie weniger Geld für die Schulen haben. Dies hat sich bestätigt mit einem weiteren aussagekräftigen Ergebnis. Ich habe festgestellt, dass der Unterschied der Analphabetenrate zwischen zertifizierten und nicht-zertifizierten Betrieben unter den Kindern (8-14 Jahre) noch größer ist als unter den Jugendlichen (15-24 Jahre). Das heißt, dass die Kinder der zertifizierten Farmer*innen früher bzw. regelmäßiger in die Schule geschickt werden können. Schon das allein bestätigt für mich das Kooperativen-Programm.

Des Weiteren hast Du die These bestätigt gefunden, dass bestimmte Einschränkungen, die speziell für arme landwirtschaftliche Haushalte gelten (z.B. niedriges Einkommen), zu risikoscheuem Verhalten führen, da diese Haushalte weniger in der Lage sind, externe Schocks zu bewältigen. Glaubst Du, dass es sinnvoll wäre, die Prämien in Maschinen auszuzahlen?

Viele Bauern und Bäuerinnen wollten zu den Interviews hinzufügen, dass es schön wäre, wenn sie weitere Inputs bekommen würden, also z.B. mehr Boots oder Macheten. Die Yayra Glover Initiative hat dies aufgegriffen und will ab nächster Saison mehr solcher Geräte zur Verfügung stellen. Aber die freie Entscheidung über die Prämien macht schon Sinn, denn sie stärkt die individuellen Entscheidungen der Farmer*innen. Und die Steigerung der Macht und Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen (economic empowerment) ist ein enorm wichtiger Bestandteil für die Kooperativen-Farmer*innen. Ich hatte außerdem erwartet zu sehen, dass die Farmer*innen in der Kooperative durch mehr finanzielle Stabilität eine höhere Risikobereitschaft zeigen. Obwohl dem nicht so war, zeigte sich beim Investitionsverhalten, dass die Kooperativen-Farmer*innen eher bereit wären, zusätzlich zum Kakaoanbau in andere Lebensgrundlagen zu investieren (wie z.B. einen Shop), da sie vermutlich mit dem Einkommen aus dem Kakaoanbau bereits zufrieden sind. Dieses durch das fairafric Programm veränderte Investitionsverhalten der Farmer*innen zur Diversifizierung der Lebensgrundlagen ist zusätzlich ein wichtiger Aspekt.

Du hast wiederholt geschrieben, dass auch die aktuelle Forschungsliteratur zu vergleichbaren Forschungsfragen nicht die ganze Realität abbildet, etwa bei den Gründen, warum die Bäuerinnen und Bauern keiner Kooperative beigetreten sind. Denkst Du, dass die Forschung hier zu theoretisch an ein praktisches Problem herantritt?

  • Gute Frage. Ich denke schon, dass die Forschung hier generell zu sehr auf die Theorie fokussiert ist und es zu wenig empirische Studien hierzu gibt, die die wirklichen Gründe herausfinden, welche in verschiedenen Kontexten auch variieren können. Ich denke aber auch, dass die Regierung hier wieder nicht intensiv genug an einer Lösung des Problems arbeitet. Ich hatte z.B. große Schwierigkeiten, eine Datenbank o.ä. zu finden, in der Dörfer nach Regionen aufgelistet oder registriert sind und in der vermerkt ist, welche mit welcher Art Zertifizierungsprogramm zusammenarbeiten oder nicht. Würde die Regierung hier mit der Forschung kooperieren, hätte man eventuell einen besseren Überblick und könnte das Problem angehen und Zertifizierungen konsequent flächendeckend einführen, ohne dass jemand zurückgelassen oder ausgegrenzt wird.

Was nimmst Du persönlich aus dieser intensiven praktischen Forschungserfahrung mit?

Ich bin motiviert, in dieser Richtung weiter zu forschen. Und ich habe einmal mehr gemerkt, dass Lebensmittelkaufentscheidungen wirklich einen Unterschied machen. Aber auch, dass ein (Fairtrade-) Siegel nicht immer eine Wirkung haben muss und dass Produkte ohne Siegel auch nicht immer schlecht sein müssen. Es ist einfach schwierig, einen Überblick über die Siegel-Landschaft zu behalten. Ich bin daher sehr motiviert, Leute darüber aufzuklären und zu motivieren, nachhaltige Produkte zu kaufen.

Gibt es sonst noch was, was Du loswerden willst?

  • fairafric sollte mehr Reichweite bekommen (lacht). Bisher ist es schwierig, die Schokolade in Deutschland überall lokal zu bekommen. Die Verlagerung der Wertschöpfung ins Ursprungsland ist aber ein wahnsinnig gutes Modell und sollte viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ein fairerer Handel ist kaum möglich.

Vielen Dank, Tamara, für Deine Arbeit und die interessanten Ergebnisse!

Anmerkung: Wenn weitere Fragen zu Tamaras Studie bestehen, stellen wir hierfür gerne den Kontakt her.